05 Das Buch

Es ist nicht so einfach, wie es klingt. Natürlich, Gipfelbücher gibt es auch an anderen Orten und sie sind allgemein bekannt. Man erklimmt einen Berg, und wenn man ganz oben ist, auf dem Gipfel, trägt man Datum und Name in das Gipfelbuch ein – und der erfolgreiche Aufstieg ist dokumentiert. Der Rüfikopf ist ebenfalls im Besitz eines solchen Buches, so wie auch die beiden anderen Gipfel entlang des Grünen Rings – am Kriegerhorn und am Madlochsattel finden sich die beiden Brüder dieses Buches. Äußerlich unterscheiden sie sich ebenso wenig von anderen Exemplaren ihrer Art – nur dass sie eben nur vorgeben einfache Gipfelbücher zu sein. Niemand kann sich nämlich daran erinnern, sie je an ihrem Ort hinterlegt zu haben – wie sie dorthin gekommen sind bleibt ein Rätsel. Und was ihre wahre Bestimmung angeht, da lassen sich nur bruchstückhafte Informationen zusammensetzen, die ein eigenartiges Bild ergeben. Man weiß, dass die drei Bücher miteinander verbunden sind und möglicherweise sogar auf eine uns unbekannte Weise kommunizieren. Sie tauschen die Namen und Daten untereinander aus. Was man auch weiß, ist dass manche Namen spurlos aus den Seiten verschwinden, während sich andere Namen auf die beiden anderen Bücher übertragen, obwohl die betreffenden Wanderer nie den ganzen Weg gemacht haben. Sich also auch nicht am Kriegerhorn eintragen konnten, zum Beispiel – oder am Madlochsattel. Irgendwie sorgen die drei Bücher für eine eigenartige Namensliste, die sich ständig erweitert und zu bestimmten Zeiten des Jahres exakt übereinstimmt – obwohl die Leute, die sich darin eingetragen haben, nicht alle der drei Gipfel erwandert haben. Man weiß inzwischen auch, dass diese Namen allesamt Personen gehören, die eines gemeinsam haben: sie sind auf ihre Art einflussreich und gut. Es sind Menschen, die in friedlicher Absicht ihre Arbeit tun und dabei, im Verborgenen wie auch ganz öffentlich (das ist sehr unterschiedlich) Gutes bewirken. Dass sich die Liste immer wieder selbst verändert, hat schon einige Personen dazu bewogen, ein Jahr später nachzusehen, ob ihr eigener Name noch im Buch zu finden ist. Man munkelt, dass es Menschen geben soll, die plötzlich ihr Leben umzukrempeln begannen – sie begannen Umweltschutzprojekte zu initiieren oder Schulen in Afrika zu finanzieren oder zumindest Vegetarier zu werden, nur weil ihr Name aus dem Buch verschwunden war. Falls Sie sich also die Mühe machen und einen der drei Gipfel erklimmen – bedenken Sie wohl, ob Sie sich deshalb auch gleich in ein Gipfelbuch eintragen wollen. Es könnte weitreichende Folgen für Ihr Leben haben.

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