15 Hasenfluh

Ignaz starb, als er im Winter mit dem Doppelschlitten Holz ins Tal bringen wollte – der Has, sein hinterer Schlitten kippte um und brach ihm ein Bein. Es war bereits spät am Abend und Ignaz konnte sich nur auf dem Bauch robbend Richtung Tal bewegen, wo er irgendwann liegen blieb und vor Kälte und Erschöpfung einschlief. Er erfror, ohne es zu bemerken, denn als er wieder erwachte, war es noch immer Nacht und tiefer Winter, er fühlte sich aber leichtfüßig und erholt wie schon lange nicht mehr. Nur der dumme Schlitten mit dem Holz ließ sich nicht bewegen und er versuchte lange, ihn wieder umzudrehen. Irgendwann schmolz der Schnee, der Sommer kam und ging wieder vorbei, der Schlitten lag noch immer stur und unbeweglich, und Ignaz wartete auf Hilfe oder versuchte seine Kräfte an dem sperrigen Ding. Manchmal kamen Wanderer des Weges, immer wunderlicher wurde ihre Kleidung und immer fremdländischer ihre Gesichter. Ignaz verstand das alles nicht, aber als er einen von ihnen zwingen wollte, ihm endlich mit dem Hasen zu helfen, da bemerkte er, dass er widerstandslos in seinen Körper sinken konnte. Er konnte sich in Ruhe die fremden Gedanken ansehen und darüber nachdenken, und auch eigene Gedanken ließen sich sehr einfach in die fremden Köpfe hineindenken. Das machte ihm so großen Spaß, dass er sich seit vielen Jahrzehnten die Zeit damit vertreibt. Viel hat er gelernt von den fremden Gedanken, es kamen kluge Wanderer vorbei, aber auch einfältige, und Ignaz wurde mit der Zeit ein richtig guter Menschenkenner. Inzwischen ahnt er, dass schon relativ viel Zeit vergangen sein dürfte seit seinem Sturz, denn es hatte längst mehrmals aufgehört zu schneien, der Schnee war geschmolzen und dann wiedergekommen. Ignaz hat aber aufgehört, über Zeit nachzudenken, da sie ihm gleichgültig geworden ist. Er ist jetzt ein gebildeter Mann, und er teilt sein Wissen bereitwillig mit den fremden Köpfen, denen er neue Gedanken eingibt, wenn er grade nichts Besseres zu tun hat.

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