33 Libellensee

Ein versteckter, kleiner See lud in den 30iger Jahren die Gäste des heute verschwundenen Hotels „Hohe Welt“ zum Baden und Verweilen ein. Schon damals führte ein kleiner Holzsteg rund um den See und tief in den dunklen Wald. Der Hotelbesitzer entfernte den Teil, der in den Wald führte regelmäßig mit Baumaschinen, aber am nächsten Tag war er jeweils wieder an Ort und Stelle. Auch Verbotstafeln und Waldrodung brachten nicht den gewünschten Erfolg – was immer er versuchte, am nächsten Tag war alles wieder wie vorher. Weil aber nicht nur der Steg täglich wieder auftauchte, sondern leider auch Gäste täglich auf ihm in der Tiefe des Waldes verschwanden, musste der Badesee irgendwann aufgegeben werden. Mit ihm blieben auch die Gäste aus und das Hotel leer. Was aber heute wie ein harmloser Spaziergang durch einen kühlen Wald anmutet, war damals eine große Attraktion – viele und sehr berühmte Gäste reisten nur deswegen nach Oberlech. Wer aus dem Wald zurückkam, war stark verändert. Um genau zu sein, die Gäste kamen um viele Jahre verjüngt wieder heraus, und manche von ihnen übertrieben es mit der Verjüngungskur, oder unter schätzten sie – jedenfalls hatten viele von ihnen Schwierigkeiten, mit dem eigenen Pass über eine Grenze zurück ins Heimatland zu gelangen. Sie mussten sich eine neue Identität besorgen. Der Besitzer bat die in Heerscharen anreisenden Gäste inständig, doch lieber einen Spaziergang an der frischen Bergluft zu machen und auf die wohltuende Wirkung von Bewegung und gesundem Essen zu vertrauen. Aber das war es nicht, was diese bei ihm suchten. So hatte er irgendwann von dem Betrieb genug und fuhr selbst in einen langen Urlaub. Er ließ den Badesee und den Steg verwildern. Manche munkeln auch, er habe den Urlaub nur vorgetäuscht und sei selbst für lange Zeit im Wald verschwunden. Heute wird der Badesee wieder gepflegt, aber auch noch so lange Spaziergänge im Wald zeigen bisher nicht die Wirkung, von der damals die ganze mondäne Welt sprach.

 

Rolltreppe

Dieser See ist wohl einer der geheimnisvollsten Plätze auf dem Grünen Ring. Die Spaziergänge im Wald scheinen ihre verjüngende Wirkung verloren zu haben, aber dafür hat inzwischen der Holzsteg ein seltsames Eigenleben entwickelt. Seit einiger Zeit scheint er sich in den Boden zu graben und manchmal hört man seine Holzlatten rattern, als wäre er eine Rolltreppe, die sich in die Tiefe bohrt. Was da im Erdinneren vor sich geht, ist noch nicht ganz geklärt, sicher ist nur, dass seit einiger Zeit seltsame Luftblasen in der Tiefe des Sees entstehen und dass aus ganz unbekannter Ursache plötzlich eine Pumpe neben dem Steg steht. Es wird den Besuchern dringend empfohlen, die Finger von ihr zu lassen, denn jedes Mal, wenn sie betätigt wird, werden neue und gewaltige Luftblasen erzeugt, die ein geheimnisvolles Gas entweichen lassen. Untersuchungen haben  ergeben, dass diese Gase zu sofortiger und vollständiger Zellerneuerung führen, wenn sie eingeatmet werden. Ihre Langzeitwirkung ist jedoch vollkommen unerforscht. Es geht das Gerücht, dass diese Installation möglicherweise zu einer geheimen Forschungsstation gehört. Wer sie errichtet hat, weiß niemand und wer dabei erforscht wird – nun ja, vermutlich der unbedarfte Wanderer, der neugierig die Pumpe betätigt und die Gase einatmet. Aber bevor das alles nicht restlos aufgeklärt ist, bitten wir Sie, vernünftig zu sein und am besten einen Bogen um den See zu machen. Vertrauen Sie auf die wohltuende Wirkung von Bewegung an der frischen Luft und gesundem Essen, und lassen Sie die rätselhafte Verjüngungskur am Libellensee links liegen.

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